Ein Artikel von Juli Zeh in der Welt vom 19.12., auf den ich dank Twitter (vielen Dank an Herrn @haekelschwein) erst aufmerksam wurde, beschreibt ein Bildungsdilemma in Deutschland, das seinen jüngsten Ausdruck in der Studienreform findet: dem Staat sind schnell studierende “leistungsfähige” Absolventen wichtiger als gebildete. Der Artikel findet auch im Alltag viele Anhaltspunkte hierfür (in der Werbung sieht man erfolgreiche Menschen, die leistungsfähig sind, weil sie das Richtige essen, trinken oder sich ins Gesicht schmieren), es läuft also auf einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel hinaus.
Das erinnerte mich an eine Episode aus meinem alten Lateinbuch. Dort waren zur Unterhaltung und Horizonterweiterung schon mal kleine Texte zwischen die Lektionen gestreut. Eine davon berichtet von einem lange vergessenen Krieg, in dem eine Armee geradezu hoffnungslos eingekesselt ist und ihrem offensichtlichen Tod entgegen kämpft. Nur ein Bote wird durch die Anstrengung aller anderen noch durch die feindlichen Linien kommen. Man wählt einen jungen Mann mit gestähltem Körper aus, der dann ins Zelt des Kommandanten gerufen wird. Dieser begrüßt ihn mit den Worten:
“Junger Mann, wenn Sie zum Feldmarschall kommen, sagen Sie ihm: Ὦ ξεῖν᾿, ἀγγέλλειν Λακεδαιμονίοις ὅτι τῇδε / κείμεθα τοῖς κείνων ῥήμασι πειθόμενοι.”
Der Rekrut schaut ihn verständnislos an. Der Kommandant wiederholt daraufhin in Latein:
“Dic hospes Spartae nos te hic vidisse iacentes, dum sanctis patriae legibus obsequimur.”
(Epigramm von Simonides auf der Grabstele des Leonidas an den Thermopylen: “Wanderer, kommst du nach Sparta, verkünde dort, du habest uns hier liegen sehen, wie das Gesetz es befahl.)
Der Soldat schaut wieder irritiert. Der Kommandant schüttelt darauf den Kopf und meint: “Das versteht Er auch nicht? Ja warum wird Er dann gerettet?”
Wer sich ein wenig mit Social Media und hier spezieller mit Twitter beschäftigt, der kennt Michaela von Aichberger (aka @frauenfuss).
Wer sie nicht kennt oder kein Interesse an Twitter hat, sollte sich ihre Webseite trotzdem zu Gemüte führen, weil sie nicht ganz zufällig eine hervorragende Grafikerin und Künstlerin ist.
Michaela hat vor geraumer Zeit das Projekt “Ich male meine Follower”, kurz #immf, ins Leben gerufen. Dabei entwirft sie anhand der Aussagen und Profile ihrer Foolower kleine Psychogramme, die sich in wunderbaren kleinen Zeichnungen in Moleskine Notizbüchern niederschlagen.
Da sich nun schon eine erklekliche insgesamt 3-stellige Zahl von Bildern zusammen gefunden hat und das Interesse von Medien, Kunstfreunden und Twitterern groß ist, war die nächste logische Konsequenz, eine Auswahl dieser Bilder reproduziert, schön gerahmt in einer Ausstellung zu präsentieren.
So entstand die #immf-Wanderausstellung, die vor einiger Zeit in Nürnberg und aktuell in Köln im Kulturbunker in Mülheim zu bewundern ist, von wo aus sie im Januar noch nach München und im Februar und März nach Hamburg reist. Begleitet werden die Ausstellungen von einem reichhaltigen kulturellen Programm aus Lesungen, Workshops und Musik. Über die Termine in Köln kann man sich hier informieren.
Bei der Ausstellungseröffnung in Köln war am Samstag Abend u.a. das Aachener WDR-Studio zu Gast, da einer der Aachener Twitterer quasi live gezeichnet werden sollte, nämlich ich
Das Ergebnis sieht man übrigens hier.
Wie man sich vorstellen kann, war ich alleine schon aufgrund der Aussicht, von Michaela gemalt zu werden völlig aus dem Häuschen (und möchte mich hiermit noch einmal bei ihr bedanken!). Dazu dann noch in einer TV Sendung zu erscheinen, machts nicht besser. Hier muß ich mich aber bei der ausgesprochen charmanten @ilukayamba bedanken, die uns Laien so meisterlich in Szene zu setzen wußte, daß inzwischen sogar einsLive den Beitrag hier featurete (schreibt man das so?).
Ja, und was soll ich sagen? Ich war aufgeregt, hab viele alte und neue Bekannte getroffen und mich wie ein Depp benommen. Also eigentlich alles wie immer
Wer sich einen Eindruck von der Atmosphäre und den netten Leuten machen möchte, sei auf die hervorragenden Photos des nicht minder hervorragenden Photografen und Ehemannes von Michaela, Michael von Aichberger verwiesen, die hier zu finden sind. Darüber hinaus gibt es noch schöne Bilder im Flickr-Album von Herrn @pauneu.
Und natürlich haben schon einige Anwesende interessante Blog-Postings dazu geschrieben, der Einfachheit halber hier als Aufzählung:
Speziell bedanken möchte ich mich noch für nette, wenn auch teilweise sehr kurze Gespräche neben den schon erwähnten Personen bei den folgenden Twitterern, die allesamt regen Follower- und Lesezuspruch verdienen: