Ein Artikel von Juli Zeh in der Welt vom 19.12., auf den ich dank Twitter (vielen Dank an Herrn @haekelschwein) erst aufmerksam wurde, beschreibt ein Bildungsdilemma in Deutschland, das seinen jüngsten Ausdruck in der Studienreform findet: dem Staat sind schnell studierende “leistungsfähige” Absolventen wichtiger als gebildete. Der Artikel findet auch im Alltag viele Anhaltspunkte hierfür (in der Werbung sieht man erfolgreiche Menschen, die leistungsfähig sind, weil sie das Richtige essen, trinken oder sich ins Gesicht schmieren), es läuft also auf einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel hinaus.
Das erinnerte mich an eine Episode aus meinem alten Lateinbuch. Dort waren zur Unterhaltung und Horizonterweiterung schon mal kleine Texte zwischen die Lektionen gestreut. Eine davon berichtet von einem lange vergessenen Krieg, in dem eine Armee geradezu hoffnungslos eingekesselt ist und ihrem offensichtlichen Tod entgegen kämpft. Nur ein Bote wird durch die Anstrengung aller anderen noch durch die feindlichen Linien kommen. Man wählt einen jungen Mann mit gestähltem Körper aus, der dann ins Zelt des Kommandanten gerufen wird. Dieser begrüßt ihn mit den Worten:
“Junger Mann, wenn Sie zum Feldmarschall kommen, sagen Sie ihm: Ὦ ξεῖν᾿, ἀγγέλλειν Λακεδαιμονίοις ὅτι τῇδε / κείμεθα τοῖς κείνων ῥήμασι πειθόμενοι.”
Der Rekrut schaut ihn verständnislos an. Der Kommandant wiederholt daraufhin in Latein:
“Dic hospes Spartae nos te hic vidisse iacentes, dum sanctis patriae legibus obsequimur.”
(Epigramm von Simonides auf der Grabstele des Leonidas an den Thermopylen: “Wanderer, kommst du nach Sparta, verkünde dort, du habest uns hier liegen sehen, wie das Gesetz es befahl.)
Der Soldat schaut wieder irritiert. Der Kommandant schüttelt darauf den Kopf und meint: “Das versteht Er auch nicht? Ja warum wird Er dann gerettet?”
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